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Begegnungen

 

Als Pilger weiß ich morgens selten, wo und wie ich abends „mein müdes Haupt zur Ruhe legen kann.“ Manchmal  ergibt sich eine Gelegenheit, aber auch anderes,  aus Kontakten zu Kollegen, die weitergeholfen haben. Hier einige Episoden aus dem Jahr 2015, an die ich in dankbarer Erinnerung zurückdenke.

Dr. Manfred Kloweit-Herrmann

 

Später Nachmittag

Mit 13 kg im Rucksack in einsamster Gegend Polens unterwegs. Die Sonne brennt seit Stunden in den Nacken und macht mich mürbe.  Es wird Zeit an eine Übernachtung zu denken. In der nächsten Ortschaft erkundige ich mich mit  meinen bescheidenen Kenntnissen der polnischen Sprache danach. Nichts, aber auch wirklich nichts zu machen. Wie vom Himmel geschickt kommt eine Streife des Weges. Ich stoppe sie und frage die beiden Kollegen. Nichts, aber auch wirklich nichts in dieser Gegend zu finden. Ich zeige meinen IPA-Ausweis und sofort ändert sich die Situation. Es wird telefoniert und schwupps habe ich ein günstiges Quartier. 


 

 



 

Einige Tage später in Litauen. Bis zum nächsten Ort sind es noch etwa drei Stunden. Die Strapazen des Tages haben deutlich erkennbar ihre Spuren hinterlassen. Als ich die Streife am Wegesrand sehe, zögere ich daher nicht lange und spreche die Kollegen an. Beide sind IPA-Mitglieder und helfen mir spontan weiter. Ein Freund wird angerufen, der mich mit seinem Privat-PKW abholt. Sogar um ein günstiges Hotel bemühen sich die Kollegen und schon habe ich wieder eine Unterkunft gefunden.

 

Im litauischen Städtchen Pagegiai (Pogegen) halte ich mich länger auf. Aus gutem Grund, denn auf der anderen Seite des Flusses Nemen (Memel) liegt Sovjetsk (Tilsit). Dort bin ich geboren und ich möchte mich meinem Geburtsort so nahe nähern wie es geht. Hin kann ich nicht. Ohne Visum und einen weiteren Extra-Passierschein darf kein Ausländer diese Grenzregion Russlands betreten.

Am Grenzkontrollpunkt lege ich dem litauischen Kollegen meinen Ausweis vor und erkläre ihm: „Auf der anderen Seite der Memel wurde ich 1939 in Tilsit geboren. 1944 mussten wir flüchten. Ich bin nie wieder dagewesen. Jetzt möchte ich auf der Brücke bis zur Mitte der Memel gehen, da ist ja die Grenze nach Russland, dort fotografieren und sofort zurückkommen.“ Er erklärt mir, dass das nicht geht und fotografieren dürfe ich seit etwa 200 Metern sowieso nicht mehr. Als ich nicht locker lasse, ruft er den Chef, dem ich alles nochmals erkläre. Von ihm bekomme ich erwartungsgemäß keine andere Antwort. Aber dann, als ich den IPA-Ausweis zeige, ändert sich alles. Ich bin nicht mehr „der komische heimwehkranke Opa aus  Deutschland“, ich bin ein Kollege. Eine Kollegin übernimmt den Posten und der Kollege, mit dem ich von Anfang an zu tun hatte, geht mit mir tatsächlich auf die Brücke. Zwischen den litauischen und russischen Grenzposten ist nichts mehr. Unterwegs werde ich mehrfach ermahnt, dass hier im Sicherheitsbereich nicht fotografiert werden darf. Den genauen Grenzverlauf legen wir nach eigenem Empfinden fest, als wir meinen, auf der Mitte der Brücke zu sein. Wir bleiben stehen und ich spreche wieder darüber, dass ich 1939 wenige Schritte weiter geboren wurde, dort bis 1944 als Kind lebte und jetzt 2015 als alter Mann zum ersten und sicher auch zum letzten Mal in meinem Leben so nahe an meinem Geburtsort bin.  Der Kollege schluckt etwas und sagt sinngemäß: „Die Sonne blendet gerade fürchterlich. Ich kann schon gar nichts mehr sehen. Ich muss mal in die andere Richtung gucken.“ Das habe ich sofort begriffen und schnell in alle Richtungen, vor allem natürlich nach Sovjetsk (Tilsit), fotografiert.